Wir in Europa erlebten in den letzten 70 Jahren eine außerordentliche Zeit. Nahezu frei von Kriegen (Ausnahme ex-Jugoslawien und jetzt leider die Ukraine), fast ausnahmslos zunehmender Wohlstand, Demokratie, Freiheit, eine immer geringer werdende Rate von schwerer Kriminalität und immer besser werdende medizinische Versorgung. Kurzum wir durften uns an eine Sicherheit in unserem Leben gewöhnen, die es so für die Menschen wohl noch nie gegeben hat.

Ein Teil von uns, ich werde ihn Struktur bezeichnen, baute sich daher ein Gefühl von Sicherheit und Wohlbefinden auf, das direkt aus dieser Entwicklung entsteht. Ich nenne diesen Teil in uns Struktur, da alle anderen Begriffe wie zum Beispiel „Ego“ so gefüllt mit Bewertungen und Bedeutungen sind, das es allein darüber zu endlosen Diskussionen, Fehldeutungen und Missverständnissen kommen kann.

Diese gefühlte Sicherheit in uns hat inzwischen ein Niveau erreicht das wir, ohne das es uns richtig bewusst wird erkennen, das viel mehr in der Gesellschaft, in der wir momentan leben, einfach nicht mehr geht. Daher fürchtet diese Struktur aber eben auch, das ihr dieses Maß an Sicherheit und Wohlstand wieder genommen werden könnte.
Ist das denn eigentlich begründet?
In Kürze: Ja, dieser Wohlstand und diese Sicherheit könnten jederzeit auch wieder vergehen und insofern hat die Struktur in uns recht mit der Angst vor dem Verlust.
Und das ist für diesen Teil von uns nur schwer zu ertragen. Daher wird das Wissen darum gerne in das Unbewusste abgeschoben. Statt für den jetzigen Zustand Dankbarkeit zu empfinden, ihn jetzt und hier zu genießen und ihn mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen, wird eher versucht diesen Zustand zu zementieren, ihn möglichst nicht zu verändern, ihn zu erhalten und ihn für die Zukunft zu sichern. Dies ist eine zutiefst menschliche Verhaltensweise und auch völlig verständlich, aber leider auch etwas, das dauerhaft nicht möglich ist. Es ist eine ganz grundlegende Tatsache in dieser Welt, das etwas, was sich nicht mehr verändern kann oder will, zugrunde geht.
Aber diese Verdrängung, diese Unbewusstheit führt auch zu Reaktionen, Verhaltensweisen und Einstellungen, die zutiefst unmenschlich, ohne Mitgefühl, ausgrenzend und aggressiv sind. Denn nun finden weder bewusste Gedanken, noch Liebe, noch Mitgefühl einen Weg um im Leben des Menschen eine dominierende Rolle zu spielen. Vielmehr werden alle diese positiven Aspekte dieser Unbewusstheit untergeordnet, da sie zur dominierenden Richtlinie des eigenen Lebens wird.
Dies führt unter anderem auch dazu, das mehr und mehr andere Gedanken als die eigenen, andere Lebensweisen als die eigenen, andere Gefühle und Bedürfnisse als die eigenen, abgelehnt werden. Ja, das muss auch so sein, denn das Zulassen anderer Einflüsse bedeutet auch immer das alles was jetzt innerlich zementiert wurde, eventuell verändert werden müsste. Aber genau das fürchtet die Struktur, denn das würde auch bedeuten, das die vermeintliche Sicherheit in Gefahr wäre.
Daraus folgt dann auch ganz logisch die gefühlte Wichtigkeit recht zu haben, die eigene Meinung durchsetzen zu müssen und Intoleranz. Einmal diesen Weg eingeschlagen, wird es dann auch immer schwieriger unterschiedliche Standpunkte einfach unterschiedlich sein zu lassen und damit dennoch in Freundschaft und Liebe miteinander leben zu können.
Vielmehr wird jemand der unterschiedlich denkt, fühlt, lebt oder liebt, eher als Bedrohung wahrgenommen, die nach Möglichkeit eliminiert oder verdrängt werden muss, denn sonst fühlt sich diese Struktur immer unwohl oder sogar bedroht.
Dieser Zustand widerspricht diametral dem eines spirituell und oder bewusst lebenden Menschen. Dennoch finden sich aber gerade in der Menge der Menschen, die von sich selbst behaupten bewusst, spirituell oder auch religiös zu leben, ein sehr großer Anteil, die genau so leben und fühlen.
Sehr interessant daran ist es zu beobachten, das diese Menschen aber gerade das Gegenteil von sich behaupten und nur all zu oft versuchen andere Menschen von ihren Standpunkten, ihrem Glauben zu überzeugen, manchmal sogar mit Druck unterschiedlichster Art zu missionieren. Denn nur wenn mindestens ein Konsens hergestellt ist oder besser noch, wenn der andere seine Meinung zugunsten der eigenen aufgibt, fühlt sich die unbewusste Struktur sicher.
Diese Haltung führt dann aber auch dazu, das Menschen nicht mehr miteinander reden um sich gegenseitig zu verstehen. Man schweigt lieber. Es wird nicht mehr um Verständnis geworben, sondern vielmehr Druck ausgeübt, um den anderen auf die eigene Seite zu ziehen. Dieser Druck kann auf vielfältigste Weisen ausgeübt werden. Sehr unterschwellig, moralisch oder auch mit Drohung und Gewalt.
Dabei scheint gefühlt aber nur eines ganz klar zu sein. So wie es ist, darf es nicht bleiben. Der Andere muss dieselben Standpunkte einnehmen, damit er gefühlt keine Bedrohung mehr darstellt.
Aus dieser Haltung heraus entsteht ein gewaltiger sozialer, psychologischer und auch emotionaler Druck in Richtung einer Konformität, ohne die eine Freundschaft oder eine Beziehung scheinbar nicht mehr möglich ist.

Durch die Erfahrung des einfachen „nur“ Seins, durch die Erfahrung des (eigenen) Herzens und damit auch meiner selbst, ist es möglich diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen.
Je mehr ich mich selbst erkenne und ebenso meine über mich hinausgehenden Aspekte, desto weniger gefährlich fühlt sich etwas an, das anders ist. In den Meditationen ist es möglich zu erleben, das alles was uns begegnet, ein Ausdruck derselben Kraft (oder bei den amerikanischen Ureinwohnern des einen großen Geistes) ist. Durch die Entdeckung unseres Herzzentrums ist es erfahrbar, welche Sicherheit, Liebe, Kraft und auch Offenheit in ihm – unserem Herzzentrum – verborgen liegt. Dort findet sich genau das wonach die Struktur sich sehnt – Sicherheit, Gewissheit, Stabilität und erlebtes Wissen (im Gegensatz zu erlerntem Wissen). Das besondere daran ist aber die Flexibilität. Die Sicherheit die sich dort findet ist nämlich lebendig, flexibel, ständig in Veränderung – in Entwicklung! Also ganz anders als die Struktur dies definiert. Dennoch, oder gerade darum, entsteht daraus dann ein tiefes Vertrauen – in sich selbst und auch in alles was ist.
Dieses Werden, diese Entwicklung wird erlebt als Sicherheit und Stabilität. Es verhält sich wie in der Natur um uns herum. Alles was sich entwickelt, was wächst und lebt ist von Dauer und ist ein Ausdruck des Wesens selbst. Alles was damit aufhört, was erstarrt, das vergeht. Ganz gleich wie stabil und großartig es einmal war.
Unser Herzzentrum kann unserer Struktur ein großartiger Lehrer und Beschützer sein. Es hat die Fähigkeit die Struktur zu beruhigen, zu besänftigen, zu heilen und auch zu erleuchten und sie soweit zu entspannen, das sie die Zügel unseres Lebens abgibt, damit das Herz nun diese aufnehmen kann.
Verwechselt das Herz oder Herzzentrum jedoch nie mit emotionalen Aspekten unseres Lebens. Das Herz in dem Sinne hat damit nicht viel zu tun. Die Liebe, das Sein das wir dort erleben hat rein gar nichts mit emotionaler Liebe zu tun. In dieser Hinsicht kann man es eher als großartig, einzigartig, überwältigend, transzendent und doch ruhig, klar, kraftvoll und auf eine Art nüchtern beschreiben. Und dennoch: Jeder der dies erlebt, der weiß genau das es sich um die Liebe handelt, die wir suchten.

Sobald dieser Prozess beginnt – Ja! Es ist in der Regel ein Prozess und kein plötzlicher Moment – wird das Leben anders. Liebevoll, entspannt, bewusst, freudvoll, offen, frei, Angstlos, erfüllt, …

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