Ich bin immer wieder verblüfft, wie einige Dinge kulturübergreifend so ähnlich oder gleich sein können.
Ich bin als „Weißbrot“ eigentlich mehr zufällig zu einem Kontakt zur indigenen Bevölkerung Nordamerikas gekommen und habe dennoch dieselbe Einweihung, dieselbe Anweisung erlebt. Ohne Vorwarnung und ohne Vorbereitung auf diese Situation geschah mit mir dasselbe, wie es Tahca Ushte in seinem Buch „Medizinmann der Sioux“ beschrieb. Als ich diesen Text erneut las, erfüllte mich erneut die Tiefe und die innige Liebe, die ich damals und bis heute (in der Natur) erleben darf.
Einzig: Bei mir war es kein Adler, der mit mir Kontakt aufnahm, sondern ein Bär.
Im Laufe der Zeit sollte ich noch weitere (physische) Begegnungen mit Bären haben.
Darum wollte ich diesen Auszug mit euch teilen:

 

<< Plötzlich hörte ich einen großen Vogel über mir schreien, und dann schlug etwas auf meinen Rücken, er berührte mich mit beiden Flügeln. Ich hörte den Schrei eines Adlers, laut hob er sich ab von den Stimmen der anderen Vögel. Er schien zu sagen: »Wir haben auf dich gewartet. Wir wußten, daß du kommen wirst. Jetzt bist du da. Dein Weg beginnt hier. Laß unsere Stimmen dich führen. Wir sind deine Freunde, die Federwesen, die Zweibeiner, die Vierbeiner, wir sind deine Freunde, alle Kreaturen, auch die winzigsten, die Achtbeinigen, die Zwölfbeinigen – alle, die auf der Erde krabbeln, alle Kreaturen, die fliegen und alle unter Wasser. Jeder von uns wird seine Kräfte mit dir teilen, und du wirst von nun an immer einen Geist mit dir haben – ein zweites Ich.«

Das bin ich, dachte ich, nichts anderes als nur ich, anders, aber doch derselbe, unsichtbar, aber trotzdem wirklich. Ich hatte Angst. Damals verstand ich das alles noch nicht. Ich habe ein Lebensalter gebraucht, um es herauszufinden. Und wieder hörte ich die Stimme aus dem Klappern der Schnäbel, aus dem Quaken und Zirpen der anderen Vögel heraus. »Du hast Liebe für alles Leben, das auf diese Erde gepflanzt wurde, nicht vergleichbar mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn, auch nicht mit der Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, sondern eine noch größere Liebe, die die ganze Erde umfaßt. Du bist nur ein Menschenwesen, ängstlich, weinend unter der Decke, aber in dir ist ein großer Raum, der mit dieser Liebe gefüllt werden kann. Die ganze Natur paßt da hinein.«
Ich zitterte und zog die Decke enger um mich, aber die Stimmen wiederholten sich immer wieder, nannten mich »Bruder, Bruder, Bruder«.
Alle Natur ist in mir, und ein Stück von mir ist in jedem Teil der Natur. >>

Tahca Ushte

Dieses Gedicht von Mary Oliver offenbart eine tiefe Verbundenheit mit einfach Allem. Dies hätte auch ein Schamane schreiben können. Für diese Frau ist die Getrenntheit wirklich eine Illusion gewesen. Gleichzeitig zeigt sie sehr schön die tiefe Zuneigung die sie zu Allem hatte.
Und dennoch ist auch die Unsicherheit darüber zu spüren, ob sie wohl mit ihrem Erleben richtig liegt, wo doch die meisten anderen Menschen das so ganz anders empfinden.

 

HABEN STEINE GEFÜHLE?

Haben Steine Gefühle?

Lieben sie ihr Leben?

Oder übertönt ihre Geduld alles andere?

Wenn ich am Strand spazieren gehe, sammle ich ein paar

weiße, dunkle und bunte Steine ein.

Keine Sorge, sage ich, ich bringe euch wieder zurück, und das tue ich auch.

Freut sich der Baum, während er empor wächst, über seine vielen Äste,

von denen jeder wie ein Gedicht ist?

Sind die Wolken froh, ihre Regenbündel abzuladen?

Die meisten Menschen auf der Welt sagen: Nein, nein, das ist unmöglich.

Ich weigere mich, zu einem solchen Schluss zu kommen.

Es wäre zu schrecklich, wenn ich mich irren würde.

 

Mary Oliver

Stirb bevor du stirbst!

Wie wahr ist das! Dennoch sträubt sich so vieles in uns diesen Schritt zu tun. Doch gehen wir diesen Weg, dann stellen wir fest, das ein ganz neues, allumfassendes Bewusstsein erlebt werden kann. Ein Bewusstsein, das nicht durch das denken erklärbar aber dennoch erlebbar und sehr real ist. Dabei bemerken wir, das wir schon immer Verbindung zu diesem allumfassenden Bewusstsein hatten.
Meist kleine, dünne Fäden. Intuition, Eingebungen und ähnliches sind einige davon.
In dem Moment wo dieses allumfassende Bewusstsein erlebt wird, setzt das Denken aus und daher kann auch nichts formuliert werden und das «Ich» löst sich auf. Das «Ich» kann keine Distanz zu den Erfahrungen mehr bestimmen, da alles «Ich» und gleichzeitig auch nicht «Ich» ist.
Es wird ersetzt durch eine allumfassende Einheit alles Seins. In diesem Sein ist der einzelne ein Teil, ohne das ein bestimmter Teil bestimmt werden könnte.
Es ist die Einheit alles Seins. Die Schamanen nennen dies den großen Geist, der alles erhält und durchdringt und ein Teil von allem ist.

Die Wahrnehmung ist so nicht mehr möglich. Dennoch ist dieser Zustand des Seins erlebbar und zutiefst berührend, transformierend und liebevoll.

Die Distanz zu allem ist in diesem Zustand nicht mehr vorhanden und eine tiefe Sehnsucht wird erlöst. Das «Ich» das stets von allem getrennt ist, es ist verschwunden und ist ersetzt durch ein Einssein. Ein Gefühl von völliger Einheit und Verbundenheit mit allem wird erlebt.
Dies setzt eine große Transformation in Bewegung, die mit Freude, Liebe und manchmal gewaltiger Energie einhergeht. Gleichzeitig entsteht eine tiefe Ruhe, Toleranz und Gelassenheit, die man so vielleicht gar nicht erwarten würde.
Je länger man in diesem Zustand verweilt, desto eher beginnt man ihn zu verstehen, denn das ist durchaus möglich. Unser normales Bewusstsein kann dies nicht.

Aber wer sagt, das sich das Bewusstsein nicht entwickeln kann!

Aus meiner Sicht gibt es nicht zwei, oder mehrere Bewusstseinszustände, sondern nur einen.

Dieser kann sich erweitern und entwickeln, insbesondere dann, wenn das «Ich» sich verändert, sich auflöst. Die Erzählung von zwei oder mehreren Zuständen des Bewusstseins fußt in der Getrenntheit (niederes Bewusstsein gegen Höheres) und den Bewertungen die damit einhergehen. Wenn es aber nur ein Bewusstsein gibt, dann ist auch klar, das jeder Mensch an diesem Bewusstsein teilhat. Nicht nur die Menschen, die über ein «höheres» Bewusstsein verfügen.
Doch die Entwicklung, das Erwachsen werden des Bewusstseins, fühlt sich wirklich wie ein Sterben an. Daher ist die Hürde für viele Menschen sehr hoch und voller Ängste und doch in jedem Fall erstrebenswert.

Durch diese Entwicklung verändert und erweitert sich die Wahrnehmung eklatant. Sie wird gleichfalls befreit von Bewertungen und Maßstäben. Das allerdings überfordert nur allzu häufig unser Denken, das dies auch erst einmal lernen und akzeptieren muss.

Ich erlebe, das immer mehr Menschen sich danach sehnen dieses „neue Bewusstsein“ zu erfahren und dies über die verschiedensten Herangehensweisen versuchen. Auch die traditionellen Wege mit und ohne Substanzen, sowie einige neue werden dazu genutzt. Diese können sehr hilfreich dabei sein, die Tore zu diesen Erlebnissen zu öffnen. Die Verarbeitung dieser Entwicklung jedoch muss jeder für sich bewältigen. Daher ist es sinnvoll sich genügend Zeit zur Integration des Erlebten zu geben. Nicht umsonst ist der Gebrauch dieser Techniken und Substanzen traditionell in hilfreiche Rituale und Meditationen gebettet.

Diese gestatten es diese Erfahrungen in geschützter Umgebung und mit erfahrener Betreuung zu machen, denn jeder der diesen Weg geht erlebt eine Zeit von vielfältigen Überraschungen!

Jegliche Wahrnehmung erfolgt immer von uns selbst aus. Das heißt, das das was wir «Ich» nennen immer im Zentrum dieser Perspektive steht. Eine andere Konstellation kennen wir nicht und können sie per se auch gar nicht einnehmen.
Jede Wahrnehmung erfolgt also aus dem «Ich» heraus und wird daher als Differenz oder Entfernung zum «Ich» bestimmt. Der Unterschied – die Distanz, so könnte man sagen – ist somit die Wahrnehmung.
Sie bestimmt damit auch die Position des «Ich» relativ zu allen Wahrnehmungen, nämlich so, dass sich das «Ich» immer im Zentrum aller Wahrnehmungen befindet.

Das Bewusstsein wiederum hängt direkt von den Wahrnehmungen des «Ichs» ab, es ist die Summe aller dieser Wahrnehmungen, verarbeitet durch das Denken. Etwas das nicht wahrgenommen wird, wird auch nicht in das Bewusstsein integriert. Erst die Wahrnehmung erweitert das Bewusstsein. Jedoch ist das «Ich» keineswegs neutral. Vielmehr nimmt es einige Dinge wahr, andere jedoch nicht. Warum es einiges wahrnimmt und anderes nicht, dafür gibt es sehr viele verschiedene Gründe. Diese aufzuführen wäre eine sehr lange Liste.
Wichtig ist jedoch, dass das «Ich» keine einhundert prozentige Wahrnehmung erreicht und auch nie erreichen kann. Achtsamkeit kann diesen Vorgang der Wahrnehmung erheblich erweitern, aber auch niemals vollständig machen.

Damit geht aber eben auch eine Beschränkung des Bewusstsein einher. Was das «Ich» nicht wahrnimmt, kann prinzipiell auch nicht in das eigene Bewusstsein integriert werden.
Das Denken formt unser Bewusstsein und grenzt es ein. Es ist notwendig, um die Distanz des «Ich» vom Wahrgenommenen zu bestimmen und es einzuordnen.
Daher ist das Bewusstsein in dieser Form für jedes «Ich» durch die Wahrnehmung und das Denken beschränkt. Es ist dadurch auch von allem Wahrgenommen abhängig und zugleich getrennt, denn es ist ja gerade die Distanz zum «Ich», welche die Wahrnehmung ermöglicht.

Doch was ist mit Erfahrungen, die ganz anders sind? Mit Nahtoderfahrungen oder Erlebnisse, die durch tiefe Meditation, Trancen oder auch durch Schock ausgelöst werden können?

Sie belegen, das es ein Bewusstsein gibt, welches außerhalb unseres normalen «Ichs» existiert und sogar ohne Körperlichkeit bestand hat.


Aus meinen Erfahrungen heraus kann ich schildern, dass es ein Bewusstsein über das alltägliche, gewohnte Bewusstsein hinaus gibt. Es ist nur nicht durch unser Alltagsbewusstsein zu erreichen. Vielmehr ist es eine Erfahrung des Einsseins und der Auflösung des «Ichs» und eine Verschmelzung mit einfach allem.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass die meisten Menschen diese Erfahrung nur kurz machen, denn dann setzt das Denken ein und versucht diese Wahrnehmung auf die Position zum «Ich» zu bestimmen. Damit ist die Erfahrung dieses erweiterten Zustandes des Bewusstseins auch schon beendet. Das Denken holt uns daraus heraus und wirft uns in unsere alte Begrenztheit zurück.
Um diese Erfahrung lang anhaltend oder dauerhaft zu machen ist ein Prozess notwendig, den die meisten Menschen scheuen. Es ist eine Art von Sterbeprozess. Die «Ichheit», die uns das ganze Leben begleitet hat muss dazu sterben. Die Sufis haben dazu eine ganz klare Anweisung:

Stirb bevor du stirbst!

Ende des ersten Teils, in Kürze folgt Teil zwei – stay tuned